Über die Unmöglichkeit, gut zu sein

Erschienen in der Luzerner Rundschau, 21.01.2014

Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ läuft zurzeit im Luzerner Theater. Die Frage, ob man als guter Mensch im kapitalistischen System überleben kann, ist aktueller denn je.

Wie gut sein, wo alles etwas kostet? Wie gut sein, wo wir nicht mehr wissen können, was wir mit einer Handlung in unserer noch so globalisierten und komplexen Welt alles auszulösen imstande sind? Wie gut sein, wo wir Geld verdienen müssen? Die Frage nach der Möglichkeit, gut zu sein, stellte Bertolt Brecht in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“, das 1943 in Zürich zum ersten Mal aufgeführt wurde und seiner Zeit voraus war.

Im Stück machen sich drei Götter auf die Suche nach guten Menschen. Sie befolgen einen Beschluss, in dem steht: „Die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn genügend gute Menschen gefunden werden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können“. In der Prostituierten Shen Te, überzeugend gespielt von Daniela Britt, finden sie, dank der Unterstützung des Wasserverkäufers Wang, eine herzliche Gastgeberin. Sie fragt aber: „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“ Die Götter, die in der Inszenierung des Luzerner Theaters einem überzeichneten Bild von „gmögigen“ Schweizer Politikern gleichen, beraten sich und geben Shen Te eine Art Mikrokredit über 1000 Silberdollar bevor sie weiter ziehen.

Shen Te kauft sich damit einen Tabakladen, auf der Bühne mit einem alten Zigarettenautomaten dargestellt, den sie so selbstlos führt, dass sie schon bald als Engel der Vorstädte bezeichnet wird – und kurz vor dem Ruin steht. Nur ihr Vetter Shui Ta kann sie dank seinem strikten Eingreifen und ökonomischen Denken vor dem Ruin bewahren. Ein Vetter, der niemand anderes ist als Shen Te selber, die ihn immer dann wieder spielen muss, wenn ihre Güte ihre Existenz auf das Spiel setzt. Damit beginnt das Pendel zwischen Güte und Überleben, zwischen Shen Te und Shui Ta hin und her zu schlagen. Dazu mischt sich der süsse Faktor Liebe: Shen Te verfällt dem arbeitslosen Flieger Yang Sun, der seinerseits auf Geld angewiesen ist, um wieder Fliegen zu können.

Die Inszenierung von Andreas Hermann bleibt nahe am Originaltext. Das Bühnenbild, gestaltet von Max Wehberg, ist genial und nervenaufreibend zugleich: Eine Bühne voller Plastikbahnen, die knistern, sich wölben, den Schauspielern auch mal das Bein stellen und damit symbolisch für das mühsame Leben stehen.

Am Ende herrscht Chaos: Shen Te ist schwanger und führt als ihr Vetter mit strenger Hand eine ausbeuterische Tabakfabrik, deren Schliessung droht. Shen Te kann ihre Doppelrolle nicht länger leugnen. Im Gerichtslokal steht sie vor den Göttern und sagt: „Euer einstiger Befehl, Gut zu sein und doch zu leben, zerriss mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Etwas muss falsch sein an eurer Welt.“ Die Götter hingegen bleiben dabei, zumindest diesen einen guten Menschen gefunden zu haben. Damit kann die Welt bleiben, wie sie ist: „Soll die Welt geändert werden? Wie? Von wem? Nein, es ist alles in Ordnung.“

Die verzweifelte Shen Te kann nur noch schreiend ihre Arme empor heben, in Richtung Götter, die sich aus dem Staub machen. Die Götter haben ausgedient. Sie stehlen sich aus der Verantwortung und verweisen den Menschen auf sich selbst. Die Götter können für die Schweiz mit ihrer humanitären Tradition stehen, die sich mehr und mehr in Neutralitätsphrasen verliert, wenn sie sich nicht längst darin verloren hat. Die Götter kehren ins Nichts zurück, die Schweiz igelt sich ein.

Die Inszenierung des Luzerner Theaters macht vor allem dank der schauspielerischen Leistung des Ensembles und des Bühnenbildes Spass. Neben Daniela Britt als Shen Te und Shui Ta sind vor allem Christian Baus, der gleich in vier Rollen zu überzeugen weiss und Wiebke Kayser, die die Rolle der Wittwe Shin hervorragend spielt, hervorzuheben.

Was bei der Inszenierung fehlt, sind aktuelle Bezüge. Die muss sich der Zuschauer selber herstellen – was aber durchaus im Sinne des brechtschen epischen Theaters ist. Das epische Theater soll den Zuschauer dazu auffordern, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. So muss sich der Zuschauer das Ende der Geschichte selber denken. Obwohl das Leben von Shen Te einem Scherbenhaufen gleicht, wird das Publikum vom Wasserverkäufer Wang dazu aufgefordert, sich selber einen guten Schluss zu suchen: „Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Beitragsbild: Ingo Höhn

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