Freiheit macht unglücklich

Erschienen in 041 Das Kulturmagazin, März 2014

Vier Geschwister leben zusammen in einer baufälligen Villa in einer Kleinstadt. Trotz materieller Sicherheit und guter Bildung scheitern sie alle hilflos am Leben. Das Stück «Villa Dolorosa» entstand frei nach Tschechows «Drei Schwestern».

Irina liegt jeden Tag bis zwölf Uhr im Bett, dann steht sie auf und denkt nach, geistert durch die Zimmer, trinkt Kaffee, schaut aus dem Fenster, raucht, hängt rum. Jeden Tag denkt sie darüber nach, ob sie heute an die Uni gehen soll, egal ob sie gerade in Philosophie, Soziologie oder Mikrobiologie eingeschrieben ist – und bleibt dann doch zu Hause. Mascha hat schon im Alter von 20 Jahren ihren Mann geheiratet, den sie damals bewunderte, aber nie liebte. Weil sie kein Kind von ihm will, nimmt sie heimlich die Antibaby-Pille. Den Sinn des Lebens sucht sie in der Arbeit, doch die richtige Stelle findet sie nicht. Olga, die älteste der Schwestern, arbeitet und langweilt sich als Lehrerin in einem Gymnasium. Sie wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als abzuhauen – und wird dann doch Direktorin des Gymnasiums.

Die Geschwister eint der Stillstand, gleich dem des «Hans im Schnäggeloch», der sich, was immer er auch tut, nach dem anderen sehnt. Diese Ohnmacht prägt auch die Art der Dialoge, die trotz viel Poesie und Intellekt wortgewaltig ins Nichts führen. Die Geschichte beschreibt das absurde Scheitern am Leben, dessen Lauf die Geschwister nicht zu beeinflussen vermögen.

(Sinn-)Frei

«Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage» heisst dieses Stück, in dem die deutsche Dramatikerin Rebekka Kricheldorf über den 28., 29. und 30. Geburtstag von Irina berichtet. Das Stück ist eine zeitgemässe Bearbeitung des Dramas «Drei Schwestern» von Tschechow, das im Jahr 1901 in Moskau uraufgeführt wurde. Ab dem 12. März ist «Villa Dolorosa» in der Inszenierung von Bettina Glaus im Südpol in seiner Schweizer Erstaufführung zu sehen. Verantwortlich dafür zeichnet die professionelle Theatergruppe Grenzgänger, quasi alle Produktionsbeteiligten kommen aus Luzern.

Es sei erstaunlich, wie viel Tschechow es in der «Villa Dolorosa» zu entdecken gebe, meint Bettina Glaus und fügt an: «Zu Tschechows Zeiten scheiterte man an zu wenig Freiheit, heute an zu viel. Gerade in der Schweiz hat jeder die Möglichkeit, sein Leben in die Hand zu nehmen. Aber vor lauter Wohlstand haben wir verlernt, zu leben.»

So spiegelt die gescheiterte Familienidylle, die zynisch vor sich hin plätschert, unsere Wohlstandsgesellschaft, in der jeder seines Glückes eigener Schmied ist. Veränderung ist gefordert, nur wie?, fragt sich auch Irina im Stück: «Es ist jeden Tag dasselbe, man muss nur irgendwann mal was ändern, man muss arbeiten, was für ein Schwachsinn, die, die arbeiten, sind genauso am Arsch wie die anderen, und ich, ich kann’s mir leisten, mein Leben zu vertrödeln, ich kann hundertfünfzig Semester Philosophie studieren, wenn ich will, keiner zwingt mich zu irgendwas, ich kann jeden Tag bis drei schlafen und bis acht nachdenken und mich bis elf betrinken, wen interessiert’s.» Die zentrale Frage bleibt im Raum: Wo den Sinn des Lebens suchen, wenn man machen darf, was man will?

Es darf ein geistreiches und unterhaltsames Schauspiel erwartet werden, dessen Thematik man sich nicht so einfach entziehen kann.

Beitragsbild: Bettina Glaus

 

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