Wie trauern im Temporausch?

 Erschienen in 041 Das Kulturmagazin, März 2014

Die 23-jährige Katja Brunner erhielt 2013 als jüngste Preisträgerin den Mülheimer Dramatikerpreis. In ihrem neuen, eigens fürs Luzerner Theater geschriebenen Stück, stellt sie unbequeme Fragen zur Vergänglichkeit des Seins.

Der schwedische Journalist Stig Dagermann schrieb kurz vor seinem Tod 1954: «Das Bedürfnis des Menschen nach Trost ist unersättlich.» Am 21. März kommt in Luzern ein Stück auf die Bühne, das von der Unmöglichkeit handelt, dieses Bedürfnis nach Trost zu stillen. Das Schauspiel mit dem ungewöhnlich langen und poetischen Titel «Ändere den Aggregatszustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» hat die junge Zürcherin Katja Brunner geschrieben.

Brunner, Jahrgang 1991, ist in Zürich aufgewachsen und gewann letztes Jahr mit ihrem Debüt «Von den Beinen zu kurz» als jüngste Preisträgerin in der Geschichte den Mülheimer Dramatikerpreis – den höchstgesetzten Autorenpreis im deutschsprachigen Theater. Zu ihrem Werk, in dem eine missbrauchte Tochter ihren Vater verteidigt, schrieb Schauspielerin Wiebke Puls als Jurymitglied: «Sie ist skrupellos, aber feinfühlig. Ihre Sprache ist gewaltig, rabiat, schamlos, hoch artifiziell. Es ist dünnes Eis, auf das sich die Autorin begibt – sie betritt es nicht nur, sie liegt unter diesem Eis, wirklich mitten im See.»

Existenzielle Trauer

Mit ihrem neuen Stück wagt sich Brunner gar auf den Grund des Sees: Es behandelt den Tod. Genauer geht es laut Brunner «um existenzielle Einsamkeit, um den marginalisierten Tod in einer kapitalistischen Leistungsoptimiererei, die das Werden fanatisch unterstützt und das Vergehen ziemlich ignoriert.» Es handelt auch von der Leerstelle, die ein Sterben reissen kann, und darum, wie man mit dieser Leerstelle umgeht. Was hat die Trauer für einen Aggregatszustand? Ist sie fest, flüssig oder gasförmig? Kann sie womöglich verpuffen? Soll die Trauer nach aussen transformiert werden? Wie Trauer teilen, wo doch jeder anders trauert?

Das Stück behandelt auf der einen Seite die höchst persönliche, individuelle, nicht vergleichbare Art der Trauer. Auf der anderen Seite aber ist es auch ein Text gegen die Selbstentfremdung einer ganzen Gesellschaft, die vergessen hat, in der Gegenwart zu leben und hochtechnologisiert gegen die Vergänglichkeit ankämpft. Es ist ein Text über das unhinterfragte, als heilig erklärte Sein und die Unfähigkeit, den Tod als Teil dieses Seins zu akzeptieren.

Brunner, die sagt, für eine Weile im Text gelebt zu haben, gibt ihr «Baby» für die Inszenierung ab. Sie vergleicht diesen Prozess mit einer «Art begrenzter Mutterschaft» und findet das «Gemeinschaftliche, Ergänzende und Zusammengreifende an dieser Kunstform» wunderbar. Theatertexte seien ja per se als Gebrauchstexte gedacht. Gebrauch machen davon wird Marco Štorman mit seiner Truppe, die das Stück im UG des Luzerner Theaters inszeniert. Zweifellos werden im Sprachgewitter auch unbequeme Fragen gestellt werden.

Beitragsbild: J. Lübke

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