Im Löwen in Ebikon

Als Comic-Reportage erschienen in 041–Das Kulturmagazin, September 2015

Das erste Mal begegnen wir uns am Stammtisch, um halb neun, im Löwen in Ebikon. Wir werden einander vorgestellt. Kisanet haucht I’m sorry, sie ist kaum zu verstehen. Der Husten nagt an ihrem zierlichen Körper, ihre Stimme verweigert sich fast komplett. Dennoch will sie uns durch ihr zu Hause führen, durch den Löwen. Ihre Stimme wird dabei immer stärker.

Kisanet kommt aus Asmara, der Hauptstadt Eritreas.

Kisanets Augen glänzen, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt. Ihre erste Erinnerung: Verstecken spielen mit vier Nachbarskindern. It’s so funny. It was very good! We have been playing too much.

Bevor sie in den Löwen kam, war Kisanet im Hirschpark in Luzern. Davor in Basel, in Italien, Libyen, im Sudan und in Äthiopien. Seit fast einem Jahr lebt sie nun in der Schweiz.

Kisanet ist Asylsuchende.

Kisanet will Krankenpflegerin werden.

Ihre Schwester lebt nur noch rund 100 Kilometer von ihr entfernt. Kisanet sieht sie trotzdem fast nie. Zu teuer ist der Weg nach Bern, zu beschäftigt ihre Schwester, die seit sechs Jahren hier lebt. Zu ihrer Mutter in Asmara sind es 7026 Kilometer, sagt Google Maps, das vor dem Ziel warnt: „Dieser Ort wurde als geschlossen gemeldet“.

Am Tag, an dem Kisanets Nachbar sagt, dass er gehe, und fragt, ob sie mitkomme, ist Kisanet längst nicht mehr das glückliche, auf Asmaras Strassen spielende Kind. Kisanet ist jetzt erwachsen, 26 Jahre alt.

Kisanet leistet den obligatorischen national service. Seit nunmehr drei Jahren. Zuvor war sie fünf Jahre krankgeschrieben. Asthma. Geld verdient sie keins, wohnen muss sie bei ihren Eltern. Wie lange sie im Militär bleiben muss, weiss sie nicht.

Und Kisanet ist very stressed because of the military, because of everything. Kisanet will ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen, unabhängig sein.

Sie sagt ja. Er arrangiert die Bewilligung zur gemeinsamen Ausreise aus Asmara, um danach über die Grenze nach Äthiopien zu fliehen. Die Grenzwächter haben Schiessbefehl.

Kisanets Eltern wissen nichts von ihrem Plan.

Kisanet erzählt ihrer Mutter erst am Tag ihrer Abreise davon. Die Mutter will Kisanet nicht gehen lassen.

But she knew my stress. She let me go, she understands me.

Kisanets Vater starb vor zwei Wochen. Er konnte ihren Entscheid nie akzeptieren. Trotzdem war er glücklich, dass Kisanet und ihre Schwester nun näher zusammen sind. Kisanets Mutter hingegen ist jetzt alleine.

Kisanets Flucht hat etwa 5000 Dollar gekostet. Ihre Eltern mussten für sie bezahlen, mit Geld, das sie nicht besassen. Sie hatten keine andere Wahl.

The way is very difficult, so if they did not pay for me – I’ll be dead.

Für das, was Kisanet in den acht Monaten zwischen Eritrea und der Schweiz erlebt hat, kann sie keine Worte finden. Nicht auf Englisch, not even in Tigrinya. Die Ankunft auf dem für 480 Leute viel zu kleinen Boot nach zwei Monaten in Libyen gleicht einer Erlösung. To be on the boat was ok. You will die or you will be save. Nothing else can come. Der Motor des Bootes steigt aus. Das Boot hat ein Leck. Aber Kisanet ist hier, in Sicherheit. Und Kisanet ist happy.

So happy es eben geht. Kisanet ist not so worried, denn sie glaubt, dass alles kommt, wie es kommen muss.

Und Kisanet betet zu Gott, dass es gut kommt. Auf eine Art, die in Eritrea verboten ist.

Kisanet führt uns durch den kleinen Saal, in dem fast täglich Deutschkurse gehalten werden; zeigt uns den Spielbereich im grossen Saal und die Zimmer und Appartements im neueren und älteren Teil des ehemaligen Hotels.

Wenn man Kisanet fragt, was sie in ihrer Freizeit macht, dann lacht sie und sagt: I don’t have free time! Kisanet arbeitet an fünf halben Tagen in der Woche am Rotsee und befreit in einem dreier Team das Gebiet vom Müll. Auf die Frage, wie ihr die Arbeit gefällt, antwortet sie: As a chance: I like it.

Kisanet hilft auch bei Übersetzungsarbeiten, direkt für andere Asylbewerber oder als Vermittlerin für die Betreuer im Haus. Kisanet ärgert sich, wenn andere nicht glücklich sind mit ihrer Übersetzung – obwohl sie weiss, dass ihr Englisch nicht good enough sei – oder sie mitten in der Nacht angerufen wird: they make me busy! Aber Kisanet will helfen, versucht ihr Bestes.

55 Asylsuchende leben zurzeit im Löwen, Kisanet kennt sie alle. Aber nicht immer entsprechen die Erwartungen der Asylsuchenden der Realität.

I say them, that we are not their children, so we can’t expect too much.

Kisanet hat verschiedene Kontakte in der Nachbarschaft. Während sie uns die Waschküche und den Putzraum zeigt, wartet Melanie schon seit 15 Minuten auf sie, zusammen mit ihren zwei Kindern. Wenn die beiden Nachbarinnen miteinander telefonieren, winken sie sich aus ihren Fenstern gegenseitig zu.

Kisanet ist eine aufmerksame und sehr höfliche Gastgeberin. Trotz ihres knappen Budgets, das dank ihrer Arbeit immerhin etwas grösser ist als vorher. Eistee und Saft stehen zur Auswahl. Derweil kocht Rigeat in der überdimensionerten Küche Ga’ate für uns, eine Art Haferbrei, der in Eritrea als Frühstück gegessen wird.

Melanies Kinder spielen mit Kindern vom Löwen.

Kisanet bekommt von Melanie eine Kerze, für ihren Vater.

Kisanet möchte die Frage, wo sie sich in fünf Jahren sehe, nicht beantworten.

I don’t know what will happen.

Ihre Zukunft ist ungewiss. Ob und wie lange sie in der Schweiz bleiben kann, entscheidet sich nach dem zweiten „Interview“. Wann die Einladung dazu kommt, weiss weder sie, noch wissen es ihre Betreuer.

Aber Kisanet hat einen Traum: One day, when I get a permission to live here, when I work and earn my money, my mother will come to live with me.

Wir essen das schmackhafte Ga’ate mit Löffeln, die uns gereicht werden. Hätten wir auch mit unseren rechten Händen essen sollen? Rigeat und Kisanet haben kaum bzw. gar nichts gegessen. Kisanet, das erzählt sie uns später, hätte sowieso nicht zugelangt.

Magenprobleme.

Aber Kisanet, die zierliche Frau mit dem ansteckenden Lachen, deren Körper kaum genug Power hat, um Velo zu fahren, wie sie selber sagt, wird weiterhin alles dafür tun, um ihren Traum zu erreichen. Den nächsten Schritt macht sie in drei Wochen. Dann zieht Kisanet in eine Gastfamilie.

I already think the family is my family.

Kisanet, bald 28 Jahre alt, wird dann zum ersten Mal seit langer, langer Zeit ein Zimmer für sich alleine beziehen.


* Kisanet lebt inzwischen sei drei Wochen bei ihrer Gastfamilie. Vier Tage in der Woche ist sie im Löwen, wo sie so viel zu tun hat, dass sie kaum Zeit für ihre Gäste findet – und trotzdem über das ganze Gesicht strahlt. Am Freitag geniesst sie Unterricht bei ihrer Gastmutter. Auf ihr zweites Interview wartet sie noch immer.

Andreas Kiener hat aus dieser Textvorlage eine Comic-Reportage gemacht, die im 041 – Das Kulturmagazin erschienen ist (Septemberausgabe 2015). 

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