Immaterialevant

Ein Essay zum Seminar „Kopf- und Handarbeit. Eine Wissensgeschichte der Wissensgesellschaft“

„Alles so irrelevant. Gfeggt werd ja nume mi Verstand.“
(Moskito, Luftloch)

Dringend ist eine Frage dann, wenn sie keinen Aufschub mehr duldet; also akut, unerlässlich und unumgänglich ist. Tatort Centre Pompidou, Paris: Wir schreiben das Jahr 1985. Jean-François Lyotard muss eine Frage auf der Zunge brennen, schon länger. Zwei Jahre lang arbeitete er als Kopf eines achtköpfigen Teams am Projekt, das nun unter dem Namen „Les Immatériaux“ ausgestellt wird und zum Ziel hat, Fragen über Identität und Selbstverständnis in einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu stellen (vgl. Wunderlich 2008: 9).
Eine Gesellschaft, deren Beschreibung Lyotard mit seiner vor fünf Jahren erschienen „Gelegenheitsarbeit“ (Lyotard 1986: 17) „Das postmoderne Wissen“ massgeblich beeinflusst hat. Im Diskurs der Informatisierung der Gesellschaft mit dem Aufkommen von Computern, Mikrochips, Kabelfernsehen, Glasfasern und so weiter versuchte Lyotard zu beschreiben, was passiert und wohin die Reise führen könnte, wenn die Produktivkraft einer Gesellschaft nicht mehr in den Händen, sondern vielmehr in den Köpfen bzw. im Wissen liegt. „Die dringende Frage“ (Lyotard 1985), die Lyotard am Ende eines kleinen Katalogtextes zur Ausstellung stellt, lautet wie folgt: „Wird mit dem Verlust des Materials das Schicksal arbeitslos?“ (ebd.) Dahinter steckt die Beobachtung, dass man „das Material dem Vorhaben nach konzipiert, simuliert und realisiert“ – dass das Material also seinen Widerstand verliert und dementsprechend das Schicksal, das immer dann ins Spiel kommt, wenn jemand am Widerstand eines Materials scheitert, überwunden werden kann.

Tatort Internet: Wir schreiben das Jahr 2002. Ray Kurzweil schliesst die „Long Bet One“ (www.longbets.org) und setzt 20’000 US-Dollar darauf, dass im Jahr 2029 eine Maschinenintelligenz im Stande sein wird, den Turing-Test zu bestehen. Damit wäre digitales und menschliches Denken nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Drei Jahre später folgt mit „The Singularity is near: when humans transcend biology“ die Ausformulierung der Zukunft, wie sie sich Ray Kurzweil basierend auf seiner Analyse des exponentiellen Wachstums ausmalt: Als Menschheit 2.0, in der das Schicksal endgültig arbeitslos ist und der Mensch in der Singularität ankommt. Der Problemfall Mensch 1.0 mit seinem ach so arg einschränkenden Körper wird damit überwunden, ein Krieg gewonnen: „Die Umkehrung und Überwindung von gefährlichen Krankheiten gleicht einem Krieg. Wie in jedem Krieg gilt es auch auch in diesem, alle Intelligenz und das gesamte verfügbare Waffenarsenal zu mobilisieren, und dem Hauptfeind entgegenzusetzen, was man hat.“ (Kurzweil 2014: 212) Das Waffenarsenal werde, so Kurzweil, dank Genetik, Nanotechnik und Robotik – „drei ineinandergreifende Revolutionen“ (S. 205) – immer grösser, bis Mensch und Maschine vollends verschmelzen: „Durch Nanotechnik wird es möglich, die physikalische Welt, einschliesslich unserer Körper und Gehirne, neu zu gestalten, Molekül für Molekül – und potenziell Atom für Atom.“ (Kurzweil 2014: 227)
Der menschliche Körper werde, Version 2.0, rationalisiert: „Eliminiert haben wir: Herz, Lunge, rote und weisse Blutkörperchen, Blutplättchen, Bauchspeicheldrüse, die Schilddrüse und andere Hormonproduzenten, Nieren, Blase, Leber, die untere Speiseröhre, Magen, Dünndarm, Dickdarm und sonstige Därme. Übrig bleiben zunächst: Knochenskelett, Haut, Geschlechtsorgane, Sinnesorgane, Mund, obere Speiseröhre und Gehirn.“ (S. 311) In der Version 3.0, Kurzweil erwartet sie in den 2040er Jahren, werde es möglich sein, den Körper zu wechseln: „Mithilfe von Foglets [zu deutsch etwa Nebelteilchen] kann ein Mensch seinen Körper und seine Umgebung verändern, wobei einige der Veränderungen nur Illusionen mithilfe von Licht und Schall sind.“ (S. 315) „Wir werden weiterhin menschliche Körper haben, doch sie werden veränderliche Projektionen unserer Intelligenz sein.“ (S. 329 f.) Kurzweil ist kein Typ, der gerne Fragen stellt. Die Frage, die dabei dringend erscheint: Wo bleiben die Fragezeichen, die Unsicherheiten?

Tatort Luzerner Theater: Wir schreiben das Jahr 2014. Im UG inszeniert Johanna Wehner Thomas Melles Frankenstein-Version „Schmutzige Schöpfung“ und parodiert den modernen Menschen in seinem Streben nach perfekter Unvergänglichkeit. Das Überwinden der Materie wird ins Lächerliche gezogen; Viktor Frankensteins Schöpfung wird als hässliches Monster dem Anspruch des posthumanistisch denkenden Schöpfers alles andere als gerecht.
Dafür kommt Frankensteins Mutter Carolin, nehmen wir Kurzweils Massstab zu Hilfe, der Sache schon näher, wenn sie in einem langen Monolog gegen ihren Körper sagt: „Denn mein Körper ist sehniges Fleisch und hartes glattes Bein, und ich, oh weh, ich bin doch nur ein kleiner Geist, eine kleine zitternde Monade, die dennoch immer wieder und wieder dumpf gegen die Gedankenwand rast und, vor den Kopf gestossen, von ihr abprallt, zerspringt, sich wieder zusammenschabt, erneut komponiert, und nochmals attackiert, so heroisch und so verzweifelt, und denkt, noch immer und immer wieder, sie könne vielleicht, nach dem finalen Zusammenbruch, von den Toten auferstehn, um dann, im Laufe einer genau auskalkulierten Reaktion mit dem Nichts, in pure Energie transformiert zu werden, eine wärmende Sonne zu werden vielleicht, eine Quelle hilfreichen Lichts, hoffentlich. Ich bin eine Utopie, letztendlich, ich weiss. Aber ich arbeite dran.“ (Melle 2008: 10)
Bemerkenswert ist hier der Begriff der „Gedankenwand“, der das Scheitern am Widerstand der Materie und damit die Dichotomie zwischen Geist und Materie beschreibt; und so dem Schicksal, auf Lyotard Bezug nehmend, weiterhin einen Job garantiert. Die „zitternde Monade“ bleibt ihrem Schicksal ergeben – Wunsch und Wahrheit decken sich nicht. Die dringende Frage, die Melles Frankenstein-Version aufwirft: Wann ist es legitim, in die Schöpfung einzugreifen? Wo liegt die Verantwortung des Forschers? Und, zu guter Letzt: Wer ist hier Mensch und wer Monster?

Tatort Kino: Wir schreiben das Jahr 2015 und befinden uns, via Leinwand, in einer abgelegenen Luxus-Villa in den Bergen. Soeben verlässt der weibliche Android Ava die Villa und lässt sich per Helikopter in die Stadt fliegen, wo sie, kurz vor dem Abspann, an einer geschäftigen Strassenecke Menschen beobachtet, von denen sie nicht zu unterscheiden ist. „Ex Machina“ (Garland 2015) heisst der britische Science-Fiction Spielfilm von Alex Garland, der die Frankensteinfrage neu verhandelt. Nathan, Gründer und Konzernchef einer Firma, welche die Suchmaschine neu erfand, tüftelt an Androiden, an Künstlicher Intelligenz (KI). Er holt sich mit Caleb einen 26-jährigen Programmierer seiner Firma für eine Woche in die Villa. Caleb soll den weiblichen Android Ava dem Turing-Test unterziehen. Dass Nathan Ava genau nach Calebs Präferenzen programmiert und gestaltet hat, weiss er erst zu spät – und verliebt sich prompt in sie. Ava gelingt es, Caleb zu manipulieren und mit seiner Hilfe ihrer Abschaltung bzw. Neuprogrammierung zu entkommen. Dabei tötet sie Nathan und lässt Caleb in der verriegelten Villa zurück. Der Turing-Test ist bestanden; wie es Ava in der Gesellschaft ergeht, bleibt hingegen offen.

Tatort Zeit Magazin: Wir schreiben das Jahr 2014. In einem Essay mit dem Titel „Die Welt ist mir zu viel“ versucht Julia Friedrichs zu erklären, warum sich heute viele Menschen „vor allem für Stressabbau und Handarbeit interessieren – statt für drängende Fragen der Gegenwart“ (Friedrichs 2014: 17). Dabei beschreibt sie einen Lebensstil der Weltflucht, der sich nicht wie bei Kurzweil der Zukunft und der Überwindung des Schicksals verschreibt, sondern, ganz konservativ, der Schicksalhaftigkeit des Lebens fröhnt. Es sind weltflüchtige, die sich zurückziehen, eine Zeitschrift wie die „Landlust“ lesen und, meist gut ausgebildet und ziemlich jung, ein einfaches, durch Handwerk geprägtes Leben führen und Halt finden in einem gegebenen Rahmen. „Jede Zeitschrift auf meinem Stapel [Friedrichs hat sich alle Weltflucht-Magazine auf dem Markt ergattert] singt das Loblied der Handarbeit: stricken, nähen, häkeln, backen, kochen genau wie gärtnern und einkochen, reparieren und schmücken.“ (ebd.: 19) Melles „kleine zitternde Monade“ sucht sein Glück in Gedankenwänden, weil sie sich jenseits der Wände verloren fühlt und die Arbeit an der Utopie aufgegeben hat.

„Von der Reduktion zweier Entitäten auf eine einzige: Materie und Geist, welche im Letzteren verschmelzen“ (Tarde 2009: 17), wie es Gabriel Tarde 1893 formulierte und schon fast erfüllt sah, sind wir noch immer entfernt. Materie und Geist, Kopf und Handarbeit sind Paare, welche die menschliche Selbstreflexion begleiten und auch weiter begleiten werden – egal, wohin uns der technische Fortschritt führen wird. In einer Zeit der Entkörperlichung vieler Arbeiten, in einer Gesellschaft, die wir Wissensgesellschaft nennen, sind diese Fragen zentral und das Pendel oszilliert, wie an den verschiedenen Tatorten zu sehen ist, zwischen den beiden Polen unregelmässig hin und her. Es verleitet, den Kopf (bzw. den Geist oder die Intelligenz) über die Hand (bzw. die Materie oder das Körperliche) zu stellen und in Fortschrittsfantasien die Überwindung der Körperlichkeit als endgültige Freiheit zu feiern. Oder aber man findet sich plötzlich, aus Angst vor dieser Freiheit und dem Verlust der Menschlichkeit, am anderen Pol wieder, wo die Handarbeit romantisch gefeiert und über die auf Perfektion getrimmte Technologie des Fortschritts gestellt wird und der Mensch zu sich selber finden soll – obwohl auch das Handwerk auf Technik und Fortschritt beruht. Das ist der spannende Punkt: Irgendwo, inmitten der Dichotomie zwischen Materie und Geist wird die Menschlichkeit und damit der Sinn des Lebens verhandelt. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass das Eine ohne das Andere nicht zu haben ist.

„Sie säged du besch nur real wenn verzellsch wie du besch,
aber du besch doch au real wenn verzellsch wie du gärn wärsch
oder ned?“ (Moskito, Hank Moody)


 

Quellen

Garland, Alex (Regie und Drehbuch) (2015): Ex Machina. [Kinofilm], Vereinigtes Königreich: Universal Pictures International.

Moskito (2015a): Luftloch. Auf Maxilla [LP]. Luzern: Goldon Records.

Moskito (2015b): Hank Moody. Auf Maxilla [LP]. Luzern: Goldon Records.

Literatur

Friedrichs, Julia (2014): Die Welt ist mir zu viel. In: Zeit Magazin 30.12.2014. S.16-26.

Kurzweil, Ray (2014): Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Berlin: Lola Books.

Lyotard, Jean-François (1986): Das postmoderne Wissen: Ein Bericht. Graz, Wien, Böhlau: Edition Passagen.

Lyotard, Jean-François (1985): „Les Immatériaux“, Art & Text 17.

Melle, Thomas (2008): Schmutzige Schöpfung. Köln: schaefersphilippen

Tarde, Gabriel (2009): Monadologie und Soziologie. Frankfurt: Suhrkamp.

Wunderlich, Antonia (2008): Der Philosoph im Museum. Die Ausstellung „Les Immatériaux“ von Jean François Lyotard. Bielefeld: Transcript.

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