Heimat: Was wotsch mache?

Erschienen auf kulturteil.ch am 25.11.2016

Box des Luzerner Theaters, 24.11.2016: «Man bleibt, wo man hingehört, und wer nicht bleiben kann, gehört halt nirgends hin oder eine arglose Beisetzung» ist eine Wortlawine, die über den Zuschauer rollt. Es sind Massen aus zusammengesetzten Buchstaben, die sich ohne Vorankündigung lösen und vielstimmig bis wirr um den Begriff der Heimat den Berg herunterrollen.

Katja Brunner, die junge Zürcher Spezialistin für lange Titel, hat ein ABC der Heimat geschrieben; der (Deutschschweizer) Heimat. Zwischen A wie kein Adolf Hitler und Z wie Zwang/Zwingli lässt sie historische Figuren, Traditionen, Verbrechen, Rechtfertigungen, unbequeme alte und neue Fragen, Mythen und Klischees auftauchen, verhandeln und wieder verschwinden. Es sind Monologe, welche Doppelmoral und Wohlstandslethargie nicht nur diagnostizieren, sondern auch reflektieren und anklagen. Mal humorvoll, mal unverschämt direkt. Heidi, das Bergmädchen, welches das Bild der heilen Schweizer Bergwelt noch immer mitprägt, kündigt und fordert: «Sucht euch ein neues Heidi. Sucht euch eine neue, die geradesteht für das, was ihr nie wart.» Anna Göldi, im 18. Jahrhundert als Hexe verbrannt, kehrt zurück und wandelt entfremdet durch den Schweizer Asphaltdschungel, wo sie einem Igel horcht. Der Igel hortet in seinem Bau Schätze von Füchsen. Der Igel ist die Schweiz. D wie Dagobert Duck wäre in diesem Land ein Durchschnittsbürger. N wie Neutralität ist eine Dienerin. R wie Réduit. V wie Verigelung. In einer weiteren, selbstreflexiven Ebene spiegelt sich die Autorin als Kulturschaffende, welche die gut gemeinte Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsthematik als heuchlerisch entzaubert, als reine Makulatur, als aufmalen von Lidern über zugenähte Augen.

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Bilder: David Röthlisberger

Mit ihrer virtuosen Sprache schreibt Brunner, gegen Abschottung, Ausgrenzung und Ausschaffung und nicht zuletzt gegen die Angst, die zum Ende des Stückes «arglos» beigesetzt wird – und doch ewig in unseren Herzen bleibt. «Es kann kein Ende geben. Das ist das leidige an der Sache.»

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Diese Ansammlung an Monologen auf die Bühne zu bringen ist eine Herausforderung, zumal das neue Ensemble am Luzerner Theater noch nicht besonders eingespielt scheint. Christina Rast – zwei Tage vor der Premiere erkrankt – hat sich bei der Inszenierung für drei Schauspieler entschieden. In der zur Mehrzweckhalle verkommenen Box liess Rast und ihr Team in erster Linie den Text sprechen. Die drei Schauspieler Sofia Elena Borsani, Verena Lercher und Adrian Furrer waren auf der stets hell ausgeleuchteten Bühne zwar omnipräsent, konnten daraus aber kaum Dynamik entwickeln. Sollen sie das Bild einer zerrissenen Gesellschaft abbilden, in der sich jeder um seine eigenen Probleme kümmert? Reizvoller wäre es wohl gewesen, diese Zerrissenheit nicht in einer isolierten Menge an Individuen darzustellen, sondern in einem zerrissenen Ganzen, das aus sich widersprechenden Teilen besteht, aber, in der Sprache Brunners, aus derselben Ursuppe kommt. In der gewählten Isolation sind die Schauspieler auf sich alleine gestellt und scheinen zuweilen zu Zitiermaschinen degradiert. Einzig Borsani gelingt es, ihrer Figur (Heidi) Leben einzuhauchen und eine erfrischende Leichtigkeit auf der Bühne auszustrahlen – von fröhlich über ernst bis zynisch und naiv, ob direkt an das Publikum gerichtet oder an die Unbeteiligten hinter der Glasscheibe zwischen Box und Reuss. Ihre Fragen und Anklagen bleiben haften. Adrian Furrer, die eigentlich gelungene Verkörperung der Luzerner Kantonsregierung, bleibt ziemlich eindimensional und Verena Lercher ist als Bühnenfigur gar kaum greifbar, wodurch die politische Fabel des Igels, den sie zuweilen verkörpert, an Dringlichkeit einbüsst und am Zuschauer vorbeizurollen droht. Gänzlich unbeteiligt am Geschehen, und trotzdem bühnenbildprägsam, ist Trix Arnold als Frau im langen Cocktailkleid an den Plattentellern. Sie experimentiert mit Heimatmusik und schafft einen Klangteppich, der aus bekannten Tönen und Melodien besteht, die mal vertraut, dann und wann ganz neu klingen.

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Man kann diese Isolation als Abbild der Gesellschaft lesen. Oder aber als vergebene Chance, den zugegebenermassen schwer zugänglichen Text greifbarer zu machen. Denn etwas von Heidi und Anna Göldi, dem Schweizer Politiker und der Gestrandeten, von Überfluss und Sattheit, Mythen und Traditionen, Auflehnung und Scham steckt in jedem Menschen. Das gilt es festzustellen, auszuhalten und zu reflektieren. Feinsäuberlich markierte Grenzen helfen da nicht weiter. Die Inszenierung unterhält trotz ihrer Schwächen, sorgt immer wieder für Lacher, die im Halse stecken bleiben und regt den Zuschauer über die Vorstellung hinaus an, über sich und seine Heimat nachzudenken. Was ist Heimat? Der Ort mit den schönen Bergen, die keiner von uns gemacht hat, in den wir ungefragt hineingeboren wurden? Wie wollen wir unsere Heimat gestalten? Wie gehen wir mit dem Erbe unserer Vorgänger um? Wie können wir die Angst überwinden? Und wie die Heimat verändern? W wie was Wotsch mache oder W wie warum sagt keiner was?

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