Shipi, wie geits?

Erschienen auf kulturteil.ch am 29.05.2017

Theaterpavillon, Luzern, 28.05.2017: Jugendliche aus der Schweiz und aus dem Kosovo bespielen mit «Schatzi, a je mirë?» (dt.: Schatzi, wie geht es dir?) die Bühne des Theaterpavillons und sorgen für ein musikalisches Schauspielerlebnis.

Vierzehn Jugendliche auf der Bühne, mal ruhig reflektierend, dann rastlos hastend und zum Schluss ausgelassen tanzend. Koffer auf der Bühne signalisieren einen Transitraum. Ein Dazwischen. Irgendwo zwischen Albanisch, Schweizerdeutsch und Englisch. Irgendwo zwischen Nike und Adidas, zwischen Schatzi (so werden die Schweiz-Kosovaren im Kosovo genannt) und Shipi, zwischen Gjilan und Luzern. Wo die Trennlinien verlaufen, ist nicht immer eindeutig, es gibt nicht nur eine. Es pendelt hin und her zwischen kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

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Die sechs Jugendlichen aus der kosovarischen Provinzstadt Gjilan geben «Lumturia» (albanischer Mädchenname, der übersetzt Glück bedeutet) ein vielschichtiges Gesicht. Lumturia macht sich auf nach Luzern. Sie hofft, ihr Glück im dreimonatigen Praktikum in der Pflege zu finden – und damit vor allem auch ihre Familie glücklich zu machen. Am Flughafen in Prishtina trifft sie auf Hans, dem wiederum die acht SchauspielerInnen der Luzerner Jugendtheatergruppe actNow ein Gesicht verleihen. Hans will zwischen Matura und Studium weg, er sucht sein Glück – sein ganz eigenes – auf einem Bauernhof im Kosovo, wo er den Einheimischen die biologische Landwirtschaft näher bringen will. Gegenseitig erstatten sie sich Bericht, ein Dialog eröffnet sich: von Culture-Clashs und Einsamkeit, von Gemeinsamkeiten und dem Wunsch nach etwas Ruhe, von Fettnäpfchen und Gastfreundschaft. Szenen poppen auf, Wortfetzen, Gefühle und Klischees werden in ständig fliessenden Konstellationen theatralisch dargestellt. Die Gespräche zwischen Lumturia (Ritë Sermaxhaj) und Hans (Moritz Suter) treiben die eigentlich spartanische Geschichte voran, die von den einzelnen Szenen immer wieder auszufransen droht.

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Zusätzlichen Kitt verleiht die Musik (Lisa Brunner, im Trainingsanzug kombiniert mit einer Haube der Luzerner Tracht), welche die Szenen verbindet und die Vermischung der beiden Kulturen auch musikalisch erfahrbar macht. So treffen kosovarische Beats auf traditionelle Schweizer Tanzschritte – oder plötzlich wird zum «Guggisberglied», dem wohl ältesten Schweizer Volkslied, kosovarisch getanzt und die Jugendlichen rappen «’s isch äben e Mönsch uf Ärde». Während bezweifelt werden darf, ob Lumturia und Hans ihr Glück finden – zu fest scheinen sie ihren Wertvorstellungen verpflichtet –, wird eines immer deutlicher: Die vierzehn Jugendlichen sind dem Glück näher als die beiden Suchenden Protagonisten. Sie sind es, die die Unterschiede verwischen und mit ihrer Spielfreude das Publikum berühren.

 

 

Spiel: Xenia Bertschmann, Sarah Bisang, Adriana Gisler, Joelle Iten, Lea Martin Kohler, Enya Müller, Maximilian Preisig, Moritz Suter, Vlerë Arifi, Elena Hajdari, Albina Leka, Etrit Neziri, Robert Pacolli, Ritë Sermaxhaj.

Produktionsteam: Regie: Nina Halpern, Dramaturgie und Produktionsleitung: Selina Beghetto, Musikalische Leitung: Lisa Brunner, Co-Autorin: Fjolla Hoxha, Schauspieltraining: Gian Leander Bättig, Glücksexpertin: Marina Berini, Lichtdesign: Markus Güdel, Grafik: Neve Regl.

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