Die soziale Wirklichkeit des Computers

unveröffentlicht.

Relektüre von: Schelsky, H. (1957) Die sozialen Folgen der Automatisierung. Düsseldorf-Köln: Eugen Diederichs.

Anfangs der 1950er Jahre präsentierte die Firma Remington-Rand in den USA den UNIVAC – „tomorrows miracle of electronics, here today“ (Remington-Rand 1952, 17’10’’) – und stellte ihn in eine Ahnenreihe mit den Pyramiden Ägyptens und den Hochhäusern Amerikas. Im gross angelegten Narrativ einer beschleunigten Welt wird einer der ersten kommerziellen Computer als Krönung der menschlichen Kultur inszeniert. Zum einen als Antwort auf Probleme, die er durch Sortieren, Klassifizieren, Rechnen und Entscheiden zu lösen verspricht, zum anderen, und viel interessanter, als Möglichkeitsraum: Der Computer sei nämlich erst zu 10 Prozent ausgelastet und könne überall da eingesetzt werden, „where data have to be processed or problem solved“. (Ebd., 17’25’’) Also nicht etwa „nur“ in der Wissenschaft und im Militär, sondern auch in der Industrie und in der Verwaltung. Mit dieser radikalen Öffnung der Anwendungsgebiete bot sich der Computer als Lösung für vielfältige Aufgaben der Datenverarbeitung an unterschiedlichen Orten an.

1957 erschien unter dem Namen „Die sozialen Folgen der Automatisierung“ ein kleiner Band des deutschen Soziologen Helmut Schelsky, der diesen Möglichkeitsraum soziologisch kartografierte. Der Band beinhaltet zwei Texte, in denen Schelsky die möglichen sozialen Folgen der Automatisierung reflektierte. Bemerkenswert sind dabei zwei Aspekte, die eine Relektüre dieses Bandes lohnenswert machen. Erstens war Schelsky, wie er selber in der Vorbemerkung schreibt, „einer der ersten im deutschen sozialwissenschaftlichen Schrifttum“, der sich den Zukunftsaspekten der Automatisierung widmete. (S. 5) Zweitens stellen die Texte, zwischen denen fünf Jahre liegen, ein Diskursereignis dar, weil in ihnen ein Umbruch in der soziologischen Deutung des Computers ablesbar ist.

Im ersten Text aus dem Jahr 1953 konstatierte Schelsky den „Beginn der ‚zweiten industriellen Revolution‘ “ und beobachtete irritiert, dass sich den „erwartenden gesellschaftlichen Folgen dieser sich ankündigenden technischen Umwälzung“ einzig journalistische Reportagen, industriesoziologische Arbeiten und Science-Fiction Romane widmeten. (S. 7) In dem Moment also, in dem der Computer aus den Universitäten und den Militäreinrichtungen heraustrat, machte Schelsky ein Defizit in der sozialwissenschaftlichen Deutung dieser Maschine aus. Was macht nun ein Soziologe, wenn er sich eines neuen Gegenstands versichern will? Er filtert bereits vorhandene Literatur, erstellt daraus Listen, macht Ordnung. Er sortiert und klassifiziert. Schelsky markierte dabei drei zentrale soziale Felder, die von der Automatisierung betroffen sein werden: erstens die Arbeit, zweitens die Gesellschaft und die Kultur und drittens die Politik und die Moral. (Vgl. S. 14) In dieser frühen Abhandlung von Schelsky wird im Rückblick klar, wie viel dem „mechanical brain“ zugetraut wurde. (S. 19) Mit dem Interesse der Anheizung des Diskurses baute Schelsky den Überschuss des Machbaren in der Literatur nicht ab, sondern reproduzierte ihn und folgerte am Schluss, dass zur „moralischen Beherrschung der industriell-technischen Gesetzlichkeiten unseres Daseins nur ein in den Fundamenten gegenläufiges Handlungs- und Wertsystem imstande sein wird.“ (S. 22) Das ist klassisch kulturkritisch. Das Gefälle, das Schelsky hier zwischen der Technik und dem ohnmächtigen Menschen aufgehen lässt, beschreibt Günther Anders in „Die Antiquiertheit des Menschen“ als „prometheisches Gefälle“. (1956)

Überraschend sachlich und nüchtern präsentierte sich Schelsky fünf Jahre später. Der Automatisierungsdiskurs rollte inzwischen lawinenartig den Buchmarkt hinunter. Eine allgemein soziologische Betrachtung dieses Diskurses, so Schelsky, solle die „Bewusstseinsbildung über die Automatisierung“ kontrollieren und lenken. Die Aufgabe des Soziologen sah er nun darin, sachfremde Elemente der Bewusstseinsbildung „als unangemessen und verwirrend zu erkennen und nach Möglichkeit zu eliminieren“, weil sie sonst „zu unwirklichen und zum Teil phantastischen Meinungen über die kommende Entwicklung beitragen“. (S. 35f.) In der Literatur über die sozialen Folgen der Automatisierung filterte er drei solche „sachfremde“ (S. 35) Denkfiguren heraus: Erstens den Begriff und die Vorstellung einer zweiten industriellen Revolution, zweitens die Zuordnung der technischen Entwicklung zu einem bestimmten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und drittens die Beschwörung der Gefahr einer Herrschaft der Technokraten. (Vgl. S. 36ff.) Schelsky suchte also nicht mehr nach einem gegenläufigen Handlungs- und Wertsystem, sondern nach der sozialen Wirklichkeit des Computers. Er sortierte, klassifizierte und entschied über die Sachlichkeit der vorgebrachten Argumente. Mit dem Ziel, den Einsatz der Technik sachlich aushandeln zu können, sprach sich Schelsky gegen eine ideologische Herangehensweise und gegen unrealistische Denkfiguren aus, die er fünf Jahre früher zum Teil selber noch gebraucht hatte. 1957 war die Technik für Schelsky kein unkontrollierbarer Akteur mehr, den man moralisch beherrschen musste. Denn eine „Ideologisierung und Dramatisierung der technischen Entwicklung“, so Schelsky, „trage praktisch selbst zur Gefährdung und Erschwerung der Massnahmen bei, die zu tun erforderlich sind“. (S. 43) In den Möglichkeitsraum, welcher der Computer eröffnete, projizierte Schelsky also erst kulturkritische Zukunftsspekulationen, bevor er ihn als Aushandlungszone deutete, in der in einer liberal-demokratischen Gesellschaft über Gestalt und Einsatz der Apparate entschieden werden konnte, ja musste.

Bibliographie
Anders, G. (1956) Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München: C. H. Beck.
Remington-Rand (1952) Remington-Rand Presents the Univac. Digitale Kopie abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=j2fURxbdIZs, (11.04.2018).

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