Schwarze Spinne im Sägemehl

Erschienen in 041–Das Kulturmagazin, Mai 2019 (Bild: Ingo Höhn).

Ein bisschen muss es Ursula Hildebrand und Christoph Fellmann gegangen sein wie Christine aus Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“: Seit Jahren ist ihnen diese Spinne im Kopf herangewachsen. Immer grösser ist sie geworden und immer deutlicher zeichnen sich ihre Konturen ab. Am 24. Mai wird sie endgültig aus den Köpfen der Regisseurin und des Autors in die Sägemehlringe des Schwingplatzes Allweg in Ennetmoos schlüpfen. Nur soll die Spinne dort keinen Schrecken verbreiten, sondern „Schwingfestfeeling an einem Theaterabend. Zwischen Kafi Zwätschge und Cüpli“, so Jana Avanzini, die Co-Produktionsleiterin des Freilichttheaters „Die schwarze Spinne“.

Fellmanns Adaption der schwarzen Spinne transformiert die Geschichte von Gotthelf in die Gegenwart. Nur lose lehnt sie sich an dem Original an. Das Tauffest, bei Gotthelf die Plattform, von der aus die Geschichte mit Motiven aus Märchen und Sagen erzählt wird, fällt weg. Die Emmentaler Sagenrealität bricht stattdessen in die Nidwaldner Schwingarena ein. Der Stoff aus dem Jahr 1842 wird dabei zur Geschichte aus dem Hier und Jetzt, in deren Zentrum die Identität der Bauern im Jahr 2019 steht. Als was verstehen sich Bauern in einer Zeit, in der globalisierte Alltagswelt und heimatkitschige Swissness, Tradition, technischer Fortschritt und der Trend hin zur Nischenbewirtschaftung auf sie wirken? Wo sich die einen neu erfinden, während dem die anderen so weitermachen, wie es ihre Vorfahren schon immer gemacht haben sollen? Die Religion stiftet bei diesen Überlegungen keinen Halt mehr. Aber auch das Böse ist nicht mehr das Andere, Ungeheuerliche. Rief der Teufel bei Gotthelf noch Angst hervor, bleibt er in Fellmanns Adaption einer von uns. Fellmann transportiert die Geschichte so mitten in die Leistungsgesellschaft hinein, in der nicht mehr das Sollen – du sollst ein frommes Leben führen –, sondern das Können – das „you can!“ –, regiert. In der Arena der Leistungsgesellschaft ist jeder seines eigenen Glückes Schmid. Die Verantwortung für Misserfolg oder Erfolg kann nicht mehr externalisiert werden. Der Pakt mit dem Teufel, er wird zum alltäglichen Geschäft. Denn: the winner takes it all.

Fellmann sei ein „Meister im Bilder erschaffen, die ohne den moralischen Zeigefinger auskommen und unterschiedlich interpretiert werden können“, sagt Jana Avanzini zum Text und seinem Autor. Im Territorium „der Bösen“, ringend im Sägemehl, werden diese Bilder inszeniert. Wyberhacken inklusive.

Die Schwarze Spinne
FR 24. Mai bis MI 3. Juli, 20.45 Uhr
Schwingplatz Allweg, Ennetmoos

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