Ampelmagazin 22


Ampelmagazin 22, 2022

Ich bin der Tod.

Ich werde geleugnet und vergessen. Mal mutwillig herbeigerufen, mal schlicht akzeptiert. Mit Angst, Wut oder Schuld verbunden. Aber auch mit Gleichgültig­keit, Hoffnung oder gar Freude. Über mich wird spekuliert, philosophiert und geforscht. Ich bin überall zu finden, in der unberührten Natur genauso wie in den von Menschen geschaffenen Kulturen und Gesellschaften rund um den Globus. Ohne Zerstörung und Zerfall würde die Welt still stehen. Aber egal, mit welchen Gefühlen, Theorien oder mit welchem Wissen man mich verbindet: Nichts und niemand ist vor mir sicher. Im Totentanz werde ich als
Skelett dargestellt. Tanzend hole ich mir alles: Organismen, Ideen, Wissen, Beziehungen, Glaube, Identitäten, Systeme, Überzeugungen. Was du bist, das war ich; und was ich bin, das wirst du.

Ich bin der Tod.


  • Mit diesem Text wird das Ampelmagazin 22 eingeläutet, das sich in sechs Comic-Episoden mit dem Totentanz beschäftigt. Der Totentanz tauchte erstmals im 14. Jahrhundert auf, der Bezug zur damaligen Seuche, dem «schwarzen Tod», war sehr stark: Die Pest machte keinen Unterschied zwischen einem Bettler und Adligen. Heute lernen wir, dass sich nichts geändert hat und es einer Krankheit egal ist, woher man kommt, was man macht, wer man ist. Das Ampelmagazin 22 konzentriert sich auf einen weiteren Aspekt des Todes – das Sterben abstrakter Dinge. Jede Idee hat ein Ablaufdatum und alle Ideale geben irgendwann den Löffel ab.
  • Zusammen mit den Illustrator:innen Anja Wicki, Andreas Kiener, Luca Bartulovic, Leonie Rösler, Karin Hauser.
  • Der Ausgabe ist am Fumetto 2022 eine Hauptausstellung gewidmet, für die die Ampelherausgeber:innen Anja Wicki, Andreas Kiener und Luca Bartulovic den Tod der Kindheit, den Tod von Überzeugungen, den Tod des Wissens, den Tod der Identität und schliesslich den Tod des Todes in einer Karton-Friedhofwelt erlebbar machen.
  • Im Rahmen des Fumetto-Festivals fand am 3. April 2022 ein Podiumsgespräch zum Entstehungsprozess der Ausgabe mit Lars von Törne (Journalist Tagesspiegel) statt.
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