Die Maschine programmieren. Computer und Schweizerische Bundesverwaltung, 1960-1980

Die Maschine programmieren. Computer und Schweizerische Bundesverwaltung, 1960-1980

Dissertation ETHZ, 2022, open access via research-collection.ethz.ch

Abstract:

Die technikhistorische Arbeit untersucht die Frage, wie Computer in den 1960er und 1970er Jahren in der Schweizerischen Bundesverwaltung programmiert wurden. Das Programmieren der Computer eröffnete der Bundesverwaltung neue Handlungs- und Entscheidungsräume. Um Computer zu programmieren, so die These der Studie, musste auch die Bundesverwaltung ihre Organisationsformen und Verfahren neu programmieren. Von dieser doppelten sowie wechselseitigen Programmierung von Computer und Bundesverwaltung berichtet diese Arbeit. Ausgehend von einer grossen Anzahl bislang kaum erschlossener Quellen aus dem Bundesarchiv werden die Anpassungsleistungen der Bundesverwaltung an die Computer und umgekehrt rekonstruiert: Von der Einführung der „Verwaltungsmaschine“ in den frühen 1960er Jahren bis zur Einführung der Projektmanagementmethode „Hermes“ in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre.

In Anlehnung an Peter Galisons Begriff der Trading Zone werden die organisatorischen und verfahrenstechnischen Anpassungsleistungen in der Bundesverwaltung rund um die Computer als Aushandlungszone konzipiert. Im Zentrum der Studie stehen die Probleme des Programmierens der Computer in der Verwaltungswirklichkeit: das Problem der Verwaltungsreform; das Problem des Zugriffs, das sich stellte, weil die Computer zentral in Rechenzentren eingesetzt wurden; das Problem des (neuen) Personals, das nötig wurde, um die Computer zu betreiben und in die Personalstrukturen der Bundesverwaltung integriert werden musste; das Problem der Analyse, das nur in Zusammenarbeit zwischen Personal der Rechenzentren und der Abteilungen gelindert werden konnte; das Problem der Abhängigkeit von Computerherstellern für das Programmieren und schliesslich das Problem temporärer Projektstrukturen, die kompatibel mit den linienhierarchischen Organisationsprinzipien der Bundesverwaltung gemacht werden mussten. Die Studie folgt den Akteuren bei der Lösung dieser Probleme.

Die Fallstudie zeigt, wie der Handlungsraum zwischen Computer und Verwaltung im Untersuchungszeitraum zu einem permanenten Handlungs-, Planungs- und Entscheidungsraum wurde, der kompatibel mit der klassischen Linienhierarchie der Bundesverwaltung gemacht werden musste. Bei der Lösung der Probleme des Programmierens wurde auf erprobte Problemlösungsverfahren zurückgegriffen; auf einer organisatorischen Problemlösungsebene wurden Stellen, Zentren Kommissionen und Ausschüsse geschaffen, auf einer personellen Ebene wurde beim Abarbeiten der Probleme rund um das Programmieren ganz praktisch mit bestehenden Mustern der Lösung von Personalproblemen reagiert und auf der Ebene der Generalisierung wurde die Arbeit in der Aushandlungszone in standardisierte Abläufe und Formulare übersetzt. Die Studie macht deutlich, dass sich die Bundesverwaltung zu einem Anwender und Dienstleister der Verteilung von Rechenkapazität transformierte und somit als zentraler Akteur für die Computer- und Verwaltungsgeschichte der Schweiz zu berücksichtigen ist.


  • Open Access der vollständigen Dissertation hier.
  • Bild: Programmiererausbildung SBB, 1963, via Informatiker im Ruhestand SBB www.iir-sbb.ch.

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