Leichte Schauspielkost

Erschienen in der Luzerner Rundschau, 11. Januar 2013

Im Luzerner Theater läuft zurzeit die Komödie «Der nackte Wahnsinn». Sie überzeugt zwar mit guter schauspielerischer Leistung und viel Komik, der Plot aber enttäuscht.

Die Voraussetzungen für einen gelungenen Theaterabend sind gegeben: Eine Komödie im Theater verspricht Spass auf höherem Niveau. Unweigerlich denkt man an Dürrenmatt, den Spezialisten für die tragischen Komödien.
Bei «Der nackte Wahnsinn», einem Stück von Michael Frayn, verfolgt der Zuschauer ein Schauspiel im Schauspiel. Der erste Akt beginnt inmitten der Generalprobe einer Theatertruppe. Das geprobte Stück heisst «Nackte Tatsachen», es ist weit nach Mitternacht und die Nerven liegen Blank. Textstellen gehen vergessen, Requisiten werden im falschen Moment stehen gelassen und Inhalte hinterfragt. Der Regisseur wird immer wieder zum Eingreifen gezwungen, an eine gelungene Aufführung ist nicht zu denken.
Im zweiten Akt wird die Bühne um 180 Grad gedreht, die Zuschauer können nun die Premiere hinter der Bühne mitverfolgen. Dort herrschen inzwischen Intrigen, Liebesgeschichten, Missgunst und Gewalt. Das Stück wird zur Farce. Im dritten und letzten Akt wird die Szenerie wieder gedreht. Der Zuschauer sitzt wieder vor der Bühne und kann dem endgültig ausufernden Schauspiel während der Dernière folgen. Schlagende Türen, einstürzende Bühnenbilder und verletzte Schauspieler – Chaos pur auf und hinter der Bühne.
Das Schauspiel ist schnell und zum Teil urkomisch, weswegen die Bauchmuskeln der Zuschauer gehörig strapaziert werden.

Fehlende Tiefe
Wer im Stück aber eine gewisse Selbstreflexion der Schauspieler erwartet, wird enttäuscht. Die Charakteren sind komplett überzeichnet. Da gibt es zum Beispiel das gut aussehende, naive «Blondie», den gutmütigen Säufer, den alles hinterfragenden Philosophen, die Tratschtante und den Frauenhelden (natürlich der Regisseur). Dazwischen Liebesaffären, Intrigen, Freundschaft und Hass. Diese Überspitzungen machen das Stück zur belanglosen Seifenoper. Es fehlt die Tiefe und die Glaubwürdigkeit.
Die Kohlen aus dem Feuer holen dabei die Schauspieler, die eine grossartige Leistung bieten und mit ihrer Darbietung für herzhafte Lacher sorgen. Aber reicht es, wenn ein Theaterstück unisono als lustig bezeichnet wird? Ohne wenn und aber. Nur lustig. Als reine Unterhaltung.

Der ideale Theaterbesuch
Dominique Mentha, Direktor des Luzerner Theaters, erklärte vor nicht langer Zeit im Interview mit der Luzerner Rundschau (Ausgabe 37, 2012), was ein Theaterbesuch dem Zuschauer bieten sollte: «Das Theater muss im Idealfall eine überraschende Begegnung darstellen. Emotional wie intellektuell, und zwar auch dann, wenn man ein Stück schon hundertmal gesehen hat. Der Theaterbesuch muss die Menschen inspirieren.» Wahre Worte, und selbstredend klar, dass nicht jedes Stück diesem Anspruch auf dieselbe Art und Weise gerecht werden muss und kann. Aber eine «überraschende Begegnung», wie sie sich Theaterdirektor Dominique Mentha wünscht, dürfte von einem Theaterbesuch erwartet werden. In «Der nackte Wahnsinn» wartet man darauf vergebens.

Unterhaltung pur
Das Stück ist ein Steigerungslauf, ist Slapstick, gespielt auf höchstem Niveau; nur überrascht wird man nie. Es fehlt das Neue, die Inspiration. Es gibt keine Aha-Erlebnismöglichkeiten und aufgrund der zu überzeichneten Charakteren kein Wiedererkennen. Das Stück unterhält, es regt aber nicht zum Nachdenken an. Ein Theaterstück sollte im Besucher aber mehr auslösen als Bauchmuskelkater. Wem das reicht, der darf sich ab der einwandfreien schauspielerischen Leistung der Equipe des Luzerner Theaters noch bis am 3. März erfreuen.

Bild: Ingo Höhn

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