Warum in die Ferne schweifen?

Erschienen in der Luzerner Rundschau, 8. Januar 2014

Denkt der homo helveticus an Ferien, schweifen seine Gedanken automatisch in die Ferne. Im Winter zum Skiurlaub ins Engadin, ins nah gelegene Ausland oder sogar nach Übersee: Je weiter weg von zu Hause, desto besser. Ruhe versprechen aber auch Ferien in der Nähe, zum Beispiel im Eigenthal.

Es ist Berchtoldstag, der Himmel wiegt schwer auf den Dächern der Stadt Luzern, es regnet. Also nichts wie weg! Das gelbe Gefährt, in das ich mich mit Begleitung und Langlaufausrüstung setze, fährt Haltestelle für Haltestelle aus dem Asphaltdschungel, biegt in Kriens Obernau links ab und gewinnt dann in der schmalen und kurvigen Strasse schnell an Höhe. Wunderlicherweise erhellt sich das Wetter von Station zu Station. Ab der Wallfahrtskirche Hergiswald reisst der Himmel auf und gibt einen Ausblick auf die Napfregion und das Flachland frei. Nur Schnee ist kaum zu sehen.

Erst im schattigen Talboden vom Eigenthal liegt er dann, der Schnee, wenn auch nicht in Massen. An den Sonnenhängen dominiert die Farbe Grün. Wir gehen die wenigen Meter von der Posthaltestelle Talboden bis zum Hotel Hammer und checken in unser reserviertes Doppelzimmer mit Gemeinschaftsbad auf dem Gang ein. Ein hübsches kleines Zimmer, spartanisch eingerichtet. Vom kleinen Balkon aus sehen wir auf den Pilatus und die Langlaufloipe. Inzwischen scheint sogar die Sonne, so dass wir uns in die Langlaufklamotten schmeissen und auf die Loipe eilen.

Das schlechte Wetter hat der Loipe zugesetzt, trotzdem ist sie auf der vollen Distanz von 17 Kilometern zu belaufen. Die Bedingungen auf der zum Teil eisigen Unterlage sind mit den dünnen und kantenlosen Langlaufskiern nicht ganz einfach. Trotzdem geniessen wir die idyllische Ruhe am Fusse des Pilatus, schuften uns die Anstiege hoch, gleiten ruhig über kleine Brücken und lassen es in den Abfahrten rattern – bis es eindunkelt. Die letzte Runde drehen wir auf der drei Kilometer langen Nachtloipe, die jeweils dienstags und donnerstags bis 21 Uhr beleuchtet ist.

Zum Nachtessen erscheinen wir mit einem gesunden Appetit in der Schwingerstube des Hotels Hammer. Schwingerportraits, Fotos von Schwingfesten und riesige Kuhglocken zieren den Raum, im Radio läuft Ländlermusik, die immer wieder im Rauschen untergeht. Eine urchige Landbeiz, wie man sie sich vorstellt. Am Nebentisch wird Brot im Käse getunkt, wir bestellen ein Kalbs-Cordon bleu und eine Bauernbratwurst mit Rösti. Das Essen schmeckt vorzüglich, der Wein auch. Satt und zufrieden verziehen wir uns früh ins Schlafgemach. Nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt, und doch ganz weit weg.

Mitten in der Nacht werden wir jäh aus unserem Schlaf gerissen. Das deutsch-amerikanische Liebespaar im Zimmer nebenan stöhnt und schreit gegen die selige Ruhe im Tal an. Ihr unkeusches, scheinbar nicht zu stillendes Verlangen hält an, es rattert mal schneller, mal langsamer – ist immer laut. Etwas gerädert schleppen wir uns am Morgen in den rustikalen Speisesaal. Viel Holz und ein wunderschöner Kachelofen prägen den Raum. Der üppige Zmorge-Turm am runden Tisch unter der „Ahnengalerie“, mit vielen neueren und älteren Fotos der Familie Hammer, verscheucht die letzten Gedanken an den gestörten Schlaf. Das Frühstück lässt mit verschiedenem Brot, Birchermüsli, Fleisch und Käse, Fruchtsalat und selber gemachten Konfitüren keine Wünsche übrig. Gestärkt drehen wir noch einige Runden auf der über Nacht frisch präparierten Loipe. Danach steigen wir wieder ins gelbe Gefährt, das uns 40 Minuten später gestärkt und erholt in den heimischen Asphaltdschungel entlässt – ohne Reisestrapazen.

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