Zu Besuch bei der alten Dame

Erschienen in die perspektive, 31. Oktober 2014; Siebenmilliarden<, April 2016

Bist du einmal hier gewesen / behalten wir Dein Wesen / Komm wieder in unsere Gemächer / und trinke aus unserem Becher / Wir sorgen für dein Wohl / nur treibe es nicht zu doll.

Etwas abseits steht sie, die alte Dame, und scheint ganz stoisch auf das hektische, mitunter aggressionsgeschwängerte Treiben vor ihr zu blicken. Das Leben hat sie gezeichnet, trotzdem strahlt sie – weiss, wie sie ist – eine erhabene Schönheit aus. Sie scheint über den Dingen zu stehen. Dazu brauchte sie weder Schönheitsoperationen noch ein Philosophiestudium. Ab und zu ein neuer Anstrich, das vielleicht schon, den Rest besorgte das ungeschminkte Leben. Die alte Dame steht an der Ecke eines grossen Platzes mit Brunnen in der Mitte, seit 1875 – wie ein Fels in der Brandung, unverrückbar. Etwas Mundgeruch hat sie, das merkt man, wenn man ihr näher kommt. Die alte Dame, sie ist ein Haus. Der Mundgeruch: ein Gemisch aus Alkohol, Rauch, Schweiss und Urin.

Liebe alte Dame, der Platz, an dem Sie stehen, ist bekannt für seinen Lärm– wie haben Sie geschlafen?

Wie ich geschlafen habe? Wie eine Alphütte! Über all die Jahre habe ich mich so an den Lärm gewöhnt, dass mich eher die Ruhe beunruhigt. Die will man uns aber immer mehr aufzwingen.

Aber hier wohnen doch auch Familien.

Ja, aber noch nicht lange, und nicht in mir. Wissen sie, was ich befürchte? Dass ich zum Spekulationsobjekt werde. Schon wieder.

Wieso schon wieder?

Naja, die Spekulation ist gewissermassen mein leiblicher Vater. Ich wurde 1875 auf günstig erworbenes Land gebaut und habe dann, zusammen mit meinen Geschwistern, ganz schön Geld abgeworfen. Wohlhabende Menschen hausten in mir. Der Brunnen, da auf dem Platz, heisst bis heute im Volksmund Spekulations- und Korruptionsbrunnen. Den schenkten die Spekulanten der Stadt, um sie weiterhin schön ruhig zu halten.

Und jetzt befürchten Sie, erneut zum Spekulationsobjekt zu werden?

Ja, schauen sie sich um. Hier war noch vor wenigen Jahren die Drogenhölle. Seit dem 2. Weltkrieg war das ein Ort für Verlierer. Die werden aber immer mehr verdrängt. Die Dirnen dürfen ihre Kunden nicht mehr auf der Strasse ansprechen. Seither sitzen sie bei mir auf der Treppe, immer einen Karton unter dem Po, oder in den Lokalen. Mein Herr ist alt, ich befürchte, dass sie, sollte er sterben, bald draussen vor der Tür stehen.

Dafür würde vielleicht endlich mal saniert, ihr Zustand im Innern ist ja bedenklich.

Ach, da schlagen zwei Herzen in meinen Wohnungen. Klar sind gewisse Arbeiten fällig. Werde ich jedoch zum „sanierten Altbau“, wie einige meiner Geschwister, verliere ich alle meine jetzigen Bewohner. In den Wohnungen genau so wie in der Bar, dem kleinen Casino und dem Stundenhotel. Heute geben sich bei mir Verlierer, Studenten, Prostituierte, Freier und Künstler die Klinke in die Hand. Einige meiner Geschwister beherbergen ja nur noch Reiche, die sich schon heute um ihre Töchterchen fürchten, die irgendwann junge Frauen sein werden.

Das Quartier ist bereits sicherer geworden. Warum sollte es nicht noch sicherer gemacht werden?

Weil es für seine Bewohner sicher genug ist. Niemand hat sich hier reiche Menschen gewünscht.

Die Welt befindet sich aber im steten Wandel, dagegen kann man doch nichts machen?

Ich habe nichts gegen den Wandel im Allgemeinen. Wie viel ich schon erlebt habe … Fuchsteufelswild werde ich aber, wenn der Wandel zugunsten von Spekulanten geschieht. Das hat vielleicht mit meiner Geschichte zu tun, als Spekulationskind bin ich da besonders sensibel. 1875 mussten alle Handwerker, die hier angesiedelt waren, den Platz für die wohlhabende Mittelschicht räumen. Ich möchte nicht zum zweiten Mal für so etwas missbraucht werden.

Aber die Stadt möchte ja hier auch günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen.

Günstigen Wohnraum für weniger gut verdienende Gewinner vielleicht. Aber alle wahren Verlierer verlieren erneut und werden verdrängt.

Die alte Dame spricht langsam und bedacht, obwohl ihr das Thema offensichtlich nahe geht. Dirnen sitzen derweil auf den Stufen ihres Einganges, Studenten tragen ihre Fixies an ihnen vorbei ins Haus hoch, Künstler treten diskutierend auf die Strasse. Auch ein Anzugträger ist unter den Bewohnern zu erblicken. Freier und Dirne verlassen das Stundenhotel in der alten Dame gestaffelt. Kaum auszumalen, was in all den Räumen zeitgleich vor sich gehen mag. Vor dem Kiosk auf der anderen Strassenseite sitzen rund zehn Schwarze, Alkoholiker kaufen sich günstiges Bier und torkeln zum Brunnen, vor dem sie sich auf die Stufen setzen. Immer wieder wird es laut, Glas klirrt auf Asphalt, Schreie hallen durch die Luft – das Gespräch mit der alten Dame wird Mal für Mal unterbrochen. Auf einmal spuckt sie zwei Menschen aus, die sich in ihrem Eingang wegen Drogen prügeln wollen. Fast reissen sie das junge Paar mit, das zeitgleich die Räder in die Höhe stemmend das Haus betreten will. Zeit, etwas in Erinnerungen zu schwelgen.

139 Jahre stehen Sie schon da: Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?

Die Markttage, die es früher werktags auf dem Platz gab. Und die rollschuhfahrenden Kinder, das war schön. Der Platz war damals ein Treffpunkt für alle.

Schaut man den Platz heute, einige Jahre nach dem Umbau, an, scheint er diesem Zustand wieder näher zu kommen. Wie sehen Sie das?

Das stimmt. Es hat in den letzten Jahren eine Durchmischung gegeben. Zurzeit sitzen Capuccinoschlürfer unweit von Alkoholikern und Dirnen. Der Platz ist viel offener und bietet keine Verstecke mehr, dadurch ist er sicherer geworden. Auch die Befreiung vom Verkehr war positiv. Soll der Platz aber ein Treffpunkt für alle bleiben, darf niemand mehr vertrieben werden. Sonst haben wir hier bald ein leblos-steriles Quartier für Reiche, das die Geldbeutel einiger Spekulanten glücklich macht.

Was sind Ihre schlimmsten Erinnerungen?

Die Choleraepidemie im Quartier Ende des vorletzten Jahrhunderts, ich kann mich noch gut an die Garküche auf dem Platz erinnern. Und an all die Trümmer meiner bombardierten Geschwister und anderer Nachbarn im Zweiten Weltkrieg. Zuletzt die vielen Drogentoten, auch in meinen Räumen, Ende des letzten Jahrhunderts.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Zurzeit fürchte ich mich mehr, als dass ich hoffe. Vor einem Abriss am meisten, aber auch vor einer Sanierung, die dazu führen würde, dass meine liebgewonnenen Bewohner ausziehen müssten. Ich hoffe, ich überstehe noch einige Jahrzehnte. Einzelne, lebensverlängernde Renovationen wären schön, sodass meine Türen noch lange für alle offen sein können.

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