Brennpunkt Strassenstrich

Erschienen in der Luzerner Rundschau, 15. März 2013

Seit März 2012 gibt es in der Stadt Luzern ein neues Reglement über die Strassenprostitution. Daraufhin hat sich der grösste Teil des Strassenstrichs, inklusive den Störfaktoren Abfall und Belästigung, an den Stadtrand verschoben. Wir haben mit einem Freier über die aktuelle Situation gesprochen.

«Ich kenne jedes Girl, das an der Baselstrasse herumläuft», erzählt Hans K. aus Luzern, während dem er im sonst menschenleeren Café an seinem Gin Tonic nippt. Der Name ist ein Pseudonym, weil dem Freier die Anonymität wichtig ist.
Nach einer ersten Kontaktaufnahme über ein einschlägiges Forum schreibt Hans K., dass er insbesondere bei seinen Kunden nicht sehr gut dastehen würde, wenn diese von seinen nächtlichen Streifzügen wüssten. «Geschwiegen von meiner besseren Hälfte, die wäre ganz und gar nicht amüsiert über meine Spritztouren», schreibt er weiter. Hans K. ist ein Kenner der Strassenstrich-Szene in Luzern. Im Monat gibt er dort durchschnittlich 400 Franken aus. «Das reicht für vier bis acht Girls», erklärt der Mann, der als Grund für seine Streifzüge Abenteuer und Abwechslung angibt.
Seine Spritztouren führen Hans K. meistens an die Baselstrasse. Dort treiben sich, so erzählt er, um die zehn Girls umher, die meisten davon seien Schweizerinnen, viele davon brauchen das Geld für Drogen. Diese Girls, wie er die anschaffenden Frauen konsequent nennt, seien zwischen 22 und 42 Jahre alt. Hans K. kennt sie alle beim Namen. Nur von Zweien lasse er die Finger, nicht ohne zu erklären warum: «Eine ist 50 Jahre alt und sieht nicht gut aus, das funktioniert vielleicht nach 5-6 Liter Bier. Eine andere zittert dermassen, das geht gar nicht.»

Baselstrasse ist eigentlich Sperrzone
Der Strassenstrich, von dem Hans K. so selbstverständlich erzählt, ist an der Baselstrasse eigentlich seit März 2012 verboten. In diesem Monat trat das neue Reglement über die Strassenprostitution der Stadt Luzern in Kraft. Dieses untersagt sowohl das Anbieten als auch das Nachfragen von käuflichem Sex auf allen öffentlichen Strassen und Plätzen. Ausserhalb dieser Sperrzonen – in Frage kommen nur noch Industriegebiete – ist die Strassen­prostitution weiterhin gestattet. Hans K. bestätigt, dass sich die Situation im Tribschen und an der Baselstrasse beruhigt hat. «Verdrängt ist die Strassenprostitution aber nicht, sie ist nur nicht mehr so offensichtlich wie früher.»
Darauf angesprochen kann sich Birgitte Snefstrup, Projektleiterin der «Aids Prävention im Sexgewerbe» der Aids Hilfe Luzern vorstellen, «dass es da vereinzelt noch etwas gibt.» Man habe aber nicht die Kapazität, überall vorbeizuschauen, erklärt sie weiter. Die APiS ist eine der wenigen Anlaufstellen, die es für Sexarbeiterinnen in Luzern gibt. Ihre Beratung auf dem Strassenstrich konzentriert sich auf das Industriegebiet im Ibach. Dort hat sich der Strassenstrich seit knapp einem Jahr etabliert. «Bevor das Reglement in Kraft getreten ist, hat die Strassenprostitution vor allem im Tribschenquartier stattgefunden», erläutert Snefstrup.
Ein grosser Teil der Frauen, die dort angeschafft haben, hatten auch ihr Zimmer in unmittelbarer Nähe. «Das heisst, sie konnten nach Hause auf die Toilette», führt Frau Snefstrup aus. Das ist mit ein Grund, warum man heute im Ibach ein grosses Abfallproblem hat. Menschliche Sekrete vor den Gebäuden der Unternehmer stellten dabei den Gipfel der Unannehmlichkeiten dar. Neben sanitären Anlagen – immerhin ist inzwischen eine Toi Toi Toilettenkabine aufgestellt worden – fehlt es auch an Abfalleimern und einer Beratungsstelle vor Ort.

Fenster rauf, Abfall raus
Hans K., der zwar nicht so oft im Ibach auf die Pirsch geht, da er nicht auf «Importware» stehe, wie er die ausländischen Frauen nennt, erklärt das Abfallproblem folgendermassen: «Wenn das Geschäft erledigt ist, geht das Fenster runter und der Abfall wird rausgeschmissen.»
Die FDP.Die Liberalen Luzern fordern aufgrund der Probleme, dass Gemeinden die Kompetenz erhalten, den Strassenstrich auf ihrem öffentlichen Grund zu verbieten. Frau Snefstrup wehrt sich jedoch gegen ein solches Verbot: «Zum einen, weil der Strassenstrich mit einem Verbot einfach andere Formen annehmen würde, die weder für die Polizei noch für die Beratung einfacher wären. Zum anderen, weil laut einem Bundesgesetzurteil ein Verbot nicht mit der Gewerbe- und Handelsfreiheit zu vereinbaren wäre.»
Als mögliche alternative Lösung schlägt die FDP.Die Liberalen Luzern vor, eine kostendeckende Monatsgebühr für die Sexarbeiterinnen einzuführen. Birgitte Snefstrup findet diese Überlegung «nicht grundsätzlich falsch, sie darf aber nicht zu einem zusätzlichen finanziellen Druck führen.» Ein Monatsbillett wäre zudem schwierig umzusetzen, weil die Frauen im Gewerbe sehr mobil sind und im gleichen Monat an verschiedenen Orten anschaffen. «Das Tagesbillett käme den Bedürfnissen der Sexarbeiterinnen dadurch mehr entgegen», führt Snefstrup aus, gibt aber gleichzeitig zu bedenken, «dass der Aufwand für die relativ kleine Szene schnell die Verhältnismässigkeit verliert.»

Sicherheit, Sauberkeit und Beratung
Die Projektleiterin der Aids Hilfe Luzern glaubt, dass man den Strassenstrich weder komplett verhindern noch komplett problemfrei gestalten kann. Deshalb sind ihr Verbesserungen vor Ort am wichtigsten. Ein Beratungsbus und bessere sanitäre Anlagen würden die Situation für die Frauen wie für die Unternehmen verbessern, ist Snefstrup überzeugt. Auf die Frage, wie sich die Situation weiterentwickeln wird, antwortet sie: «Es ist interessant, was im Moment gesellschaftlich läuft. Einerseits wird Prostitution enttabuisiert, anderseits wird eine repressive Schiene gefahren.» Repression sei aber kein guter Ratgeber, weil dann das Geschäft im versteckten ablaufe. Damit sei niemandem geholfen.
Ein anderes Problem des Strassenstrichs ist, dass das Angebot an Frauen die Nachfrage von Freiern weit übersteigt. Eine Begebenheit, die laut Snefstrup unter anderem mit der Armut in anderen Ländern zu erklären sei. Ein Verbot oder andere einschränkende Massnahmen würden daran kaum etwas ändern.
Diese Unausgeglichenheit zwischen Angebot und Nachfrage ist unter anderem für unverschämt tiefen Preise verantwortlich. Hans K. bezahlt seinen «Girls» zwischen 50 und 100 Franken für das alles beinhaltende «Geschäft». «Am Morgen um fünf Uhr ist es auch mal für eine Zwanzigernote möglich, denn dann hatte das Girl eine verschissene Nacht hinter sich und braucht das Geld.» Gehört der Gummi dazu? «Für mich ist das logisch, aber wenn du ohne willst, kannst du für ein Zwanzigernötli mehr auch ohne haben.» Der Preis, so Hans K. weiter, sei immer Verhandlungssache. Je weniger er bezahlen muss, desto mehr bekommt er für sein monatliches Strich-Budget von 400 Franken. Ob er dabei nie ein schlechtes Gefühl habe? «Nein, schliesslich wollen die Girls ja etwas von mir.»

Bild: Fotolia

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